Geschichte des Digitalen

Die Dark Ages des Internet
Die Geschichtsschreibung des Internet und der Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen, obwohl das Arpanet als Vorläufer des heutigen Internet bereits 1969 startete. Umso mehr drängt die Zeit, endlich die Geschichte des Internet als Forschungsgebiet der Geschichtswissenschaft zu etablieren und zu institutionalisieren. Welche fachlichen Standards dabei gelten sollen, beispielsweise für die Quellenkritik von genuin digitalen Quellen (digital born data), ist noch völlig unklar. Von dieser Unklarheit innerhalb der Geschichtswissenschaft sind leider auch die Archive tangiert, die sich um eine Archivierung des Internet bemühen. Welche Teile des Internet sollen archiviert werden und in welcher technischen Form? Von der Beantwortung dieser Fragen wird es abhängen, welche Möglichkeiten künftige Historikergenerationen haben werden, über das Internet unserer Tage zu forschen.

Aus der frühen Phase des World Wide Web in den 1990er Jahren, die kaum professionell archiviert wurde, sind heute nur noch wenige Webdokumente erhalten. Der gängige Allgemeinplatz, demzufolge das Internet nichts vergesse, erweist sich hier als eindeutiger Trugschluss. Dementsprechend schwierig ist historische Forschung über das frühe WWW, das angesichts der Quellenarmut beinahe an die Dark Ages früher historischer Zeitalter erinnert.

Ich beschäftige mich seit 2012 intensiv mit der Geschichtsschreibung des Digitalen, den Auswirkungen der Digitalisierung insbesondere auf die Wissenschaft und mit dem Erhalt des digitalen Kulturerbes. Dabei forsche ich sowohl mit geschichts- als auch mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen und Methoden. Meine Arbeit als Digital-Historiker stelle ich im Folgenden kurz vor.

Digitales Kulturelles Erbe
Im Jahr 2013 war ich Mitglied einer Expertengruppe zum Thema Nachhaltigkeit in der digitalen Welt, die vom Think Tank Co:llaboratory Internet & Gesellschaft eingeladen wurde und sich mit der Rolle der Gedächtnisinstitutionen (Museen, Archive, Bibliotheken) in der digitalen Welt beschäftigte. Eines der Ergebnisse unserer Überlegungen war der Berliner Appell zum Erhalt des digitalen Kulturerbes, zu dessen Erstunterzeichnern ich gehöre.

Seit 2018 bin ich Sprecher der Fachgruppe Langzeitarchivierung und Emulation in der Gesellschaft für Informatik (GI). Die Herausforderung des langfristigen Erhaltes und der Nutzung digitaler Objekte in kulturbewahrenden Institutionen bildet das Arbeitsfeld der Fachgruppe. Das Aufgabenspektrum spannt sich dabei von der Klärung konzeptioneller und rechtlicher Fragen bis zur Vermittlung technischer Lösungen für den praktischen Einsatz. Die Vielzahl unterschiedlicher digitaler Objekte – vom einfachen Textdokument bis hin zur komplexen multimedialen Anwendung – bedarf unterschiedlicher konzeptioneller und technischer Lösungen. Die Schwerpunkte der Gruppe umfassen strategische Zielstellungen wie die Vermittlung und Verbreitung der Emulation als Bewahrungskonzept, die Klärung der rechtlicher Grundlagen oder die Erstellung bzw. Verbreitung von Best-Practices-Beispielen, konkrete Forschungsfragen wie die Erforschung offener technologischer Fragen zur Emulation als Bewahrungskonzept oder der Automatisierung von Bewahrungsworkflows sowie den Aufbau von Kooperationen mit nationalen und internationalen Partnern aus Forschung und Wirtschaft.

Auf der Heidelberger Tagung Digital Native (Hi)Stories im Jahr 2016 stellte ich erstmals meine Überlegungen zum kulturellen Gedächtnis im digitalen Zeitalter vor. Gerade die Frage, inwieweit die Öffentlichkeit aktiven Anteil an der Bewahrung unseres Digitalen Kulturerbes nehmen sollte, treibt mich um. Ob auf dem Bürgerempfang der Stadt Tengen in Baden-Württemberg, beim Think Tank 30, auf der Distriktsversammlung der SPD Hamburg-Finkenwerder oder beim Stammtisch des Vereins politential in Nordrhein-Westfalen, ich will dieses Thema öffentlich bekannt machen und die Diskussion darüber anstoßen.

Geschichtsschreibung des Internet
2013 erschien der Sammelband »Was bleibt? Nachhaltigkeit der Kultur in der digitalen Welt«, der aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, was von unserem digitalen Kulturerbe in 20, 50 oder 100 Jahren noch erhalten bleiben wird. Ich habe für diesen Sammelband einen Aufsatz über die Geschichtsschreibung des Internet verfasst. Wie ist der Stand der Geschichtsforschung auf diesem Gebiet? Wo liegen Chancen, Probleme und Risiken? In diesem Aufsatz von 2013 problematisiere ich die Dark Ages des frühen World Wide Web, jene Phase also, aus der nur sehr wenige Webdokumente erhalten geblieben sind. Trotz des scheinbaren Überflusses an Daten im WWW ist dessen Frühphase für uns heute eine quellenarme Zeit, wodurch die geschichtswissenschaftliche Deutung sehr erschwert wird. Ich habe daher bereits damals eine zügige und durchdachte Strategie zur Archivierung von historisch bedeutsamen Webinhalten gefordert.

Die Deutsche Nationalbibliothek hat seit 2006 den gesetzlichen Auftrag, das deutsche World Wide Web zu archivieren. Insbesondere dynamische Webinhalte, beispielsweise Nachrichtenseiten, stellen dabei für die Archivare ein Problem dar. Der Grund ist offensichtlich: Etwa alle sieben Minuten erneuern sich diese Webseiten, eine vollumfängliche Archivierung sämtlicher Webseitenversionen ist daher schwierig und speicherintensiv. Im Dezember 2013 lud die Nationalbibliothek deshalb zum Expertenworkshop DYNAMISCHES BEWAHREN!? Ein Gedankenaustausch zur Sammlung dynamischer Publikationsformen im Web. Bei diesem Workshop habe ich die Anforderungen der Geschichtsforschung an die Archivierung solcher dynamischer Webinhalte skizziert.

re:publica 2015 in Berlin

Seitdem berate ich Wissenschaftler, Forschungsinstitute, NGOs, Politiker und Gedächtnisinstitutionen zur Webarchivierung und dem digitalen Kulturerbe. Regelmäßig halte ich Vorträge, Workshops und Barcamp-Sessions, in denen ich Historiker, Archivare, Bibliothekare und die interessierte Netzgemeinde für die Chancen und Herausforderungen der Geschichtsschreibung des Internet sensibilisiere. Auf der re:publica 15, der größten deutschsprachigen Internetkonferenz, sprach ich über die Probleme der Historiker mit dem digitalen Raum. Auf der 7. Tagung Digitale Bibliothek in Graz hatte ich die Gelegenheit, meine Thesen zur gelingenden Webarchivierung mit Archivaren und Bibliothekaren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu diskutieren. Auf dem ersten ArchivCamp im deutschsprachigen Raum habe ich eine Session zur Webarchivierung geleitet. Der Austausch mit anderen historisch forschenden Disziplinen ist mir wichtig, so habe ich mich sehr über die Einladung zur Ringvorlesung der Paderborner Medienwissenschaften gefreut.

Gerne beantworte ich auch Fragen von Journalisten zu meiner Arbeit als Digital-Historiker, der Geschichte des Internet und den Herausforderungen für dessen Bewahrung als Kulturerbe: Fluter, das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, die WirtschaftsWoche, der Weser Kurier und Deutschlandfunk Kultur haben mich zu Chancen und Herausforderungen des Web für die Geschichtsforschung sowie zur Webarchivierung interviewt. Der Deutschlandfunk Kultur fragte mich außerdem nach Formen der Geschichtsvermittlung im digitalen ZeitalterMDR aktuell erkundigte sich zum Thema »25 Jahre erste Webseite«, der Deutschen Presse-Agentur dpa gab ich Auskunft zu vergessenen Onlinediensten und die Augsburger Allgemeine zitierte mich anlässlich der Insolvenzanmeldung von StudiVZ. 2016 und 2017 habe ich an zwei öffentlich-rechtlichen Filmproduktionen zu geistes- und mediengeschichtlichen Themen beratend mitgewirkt.

Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Raum
Für die Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird, verfasste ich im April 2013 den feuilletonistischen Essay »Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Raum: Konflikt um die Reichweite sozialer Normen«. Darin befasse ich mich mit der Problematik, dass Arbeitgeber in den Social Media gezielt nach Spuren ihrer Beschäftigten und Bewerber suchen und ein paar unglückliche Partyfotos auf Facebook schon ausreichen können, um die eigenen Jobchancen zunichte zu machen. Das ganze Heft kann kostenfrei heruntergeladen werden. Im Oktober 2013 habe ich meinen Essay auf der  Summer School »Digitale Demokratie« an der LMU München vorgestellt und diskutiert.

Gemeinsam mit dem Bremer Soziologieprofessor Thomas Krämer-Badoni habe ich 2014 einen Essay in der Zeitschrift des FIfF (Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung) zum Themenschwerpunkt Überwachung publiziert. Unter der Überschrift »Nichts als Hilflosigkeit« kommen wir zu folgendem Fazit: »Die Probleme der digitalen Gesellschaft müssen wir erst noch entdecken und verstehen, ihre Handhabung erfordert Offenheit und kulturelle Phantasie. Und erst nach der Entstehung neuer kultureller Strukturen werden wir die der digitalen Gesellschaft entsprechenden Rechtsformen entwickeln können. Angesichts der gesellschaftlichen Transformationen, die uns bevorstehen, wird die Entwicklung einer neuen Kultur der Kommunikation Jahre und Jahrzehnte, auch länger dauern. Der Weg wird lang und steinig sein, aber wir werden ihn gehen müssen. Auch für uns gibt es kein zurück. Wohin auch?«