History matters: 4 Ideen zum Umgang der SPD mit ihrer Vergangenheit

Vorab der Hinweis zur Transparenz: Als Landtagsabgeordneter für die SPD, Mitglied in der Historischen Kommission der SPD Landesorganisation Bremen und im Beirat der Bremer Landeszentrale für politische Bildung bin ich befangen in mancher Hinsicht. Aber sei‘s drum, wer ist das nicht.

Unter den Historikern rumort es.

Es rumort unter den Historikern dieser Republik: Der SPD Parteivorstand will die Historische Kommission der Partei aus Kostengründen (20.000 Euro pro Jahr) einstellen. Die Arbeit dieser Kommission soll im Rahmen der Friedrich-Ebert-Stiftung fortgesetzt werden. Als Reaktion darauf haben mit Stand vom 08.08.2018 um 19.00 Uhr insgesamt 686 Menschen, darunter viele ProfessorInnen und DoktorInnen der Geschichtswissenschaft, einen Offenen Brief unterzeichnet. Sie fordern, diesen „geschichts- und gegenwartsvergessenen Beschluss“ zurückzunehmen.

Auch ich habe diesen Offenen Brief unterzeichnet. Weil ich die Arbeit der Kommission so sehr schätze und möchte, dass es so weitergeht? Definitiv nicht. Ehrlich gesagt habe ich weder als Landtagsabgeordneter noch als Historiker, geschweige denn als historisch interessierter Bürger, jemals nennenswert viel von der Arbeit dieses Gremiums mitbekommen.  Zum reinen Selbstzweck und für die eine oder andere historisch geleitete Stellungnahme, wenn’s hoch kommt zwischendurch mal eine Konferenz zu einer historiographischen Fragestellung, aber ohne Strahlkraft in die parteiinterne, geschweige denn die allgemeine Öffentlichkeit, dafür allein sind 20.000 Euro jährlich viel Geld.

Ich habe den Brief vielmehr unterzeichnet, weil ich folgenden Satz daraus sehr wichtig finde: „[…] vielleicht mehr als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Erhaltung unseres liberalen Gemeinwesens heute auf ein zivilgesellschaftlich inspiriertes Engagement „von unten“ angewiesen. Auch deshalb muss die Historische Kommission – möglicherweise in erneuerter Form – als Forum der Auseinandersetzung über historisch-politische, geschichtskulturelle und geschichts-politische Fragen erhalten bleiben.“

Genau darin liegt für mich die visionäre Botschaft des Briefes. Ob alle unterzeichnenden Professorinnen und Professoren diese Passage ähnlich deuten, wie ich dies tue, sei dahingestellt. Aber im Kern ist die Sache doch klar: Im Jahr 2018 braucht die SPD weiterhin historische Beratung und historische Arbeit, aber halt in zeitgemäßer Weise, also eine Historische Kommission 2.0

Wie sieht eine solche moderne Kommission aus? Definitiv deutlich anders als bislang. Ich möchte an dieser Stelle 4 Ideen dazu geben, als Impuls für die weitere Debatte:

1.) Die Historische Kommission 2.0 ist offen. Alle reden von Open Science, die SPD setzt es um: Die fachlichen Diskussionen der Kommission werden nicht länger im stillen Kämmerlein, sondern öffentlich geführt. Protokolle von Sitzungen, Entwurfspapiere, publizierte Aufsätze und alle anderen schriftlichen Erzeugnisse der Kommission, die das Parteimitglied ja immerhin mit 20.000 Euro jährlich finanziert hat, werden öffentlich auf die Webseite gestellt. Wenn künftig Publikationen aus der Kommission heraus entwickelt werden, so passiert das ebenfalls öffentlich, nämlich online mittels Etherpad. So kann dann jedeR Interessierte die Entwicklung des Textes, die Veränderungen durch verschiedene Autoren etc. unmittelbar verfolgen. Geschichtsschreibung wird auf diese Weise offen, transparent und in ihrer Diskursivität nachvollziehbar.

2.) Die Historische Kommission 2.0 bezieht Bürgerinnen und Bürger mit ein. Alle reden von Citizen Science, die SPD setzt es um: JedeR kann mitmachen in der neuen Historischen Kommission, ob ProfessorIn, StudentIn, oder interessierte Laien. Ob Historiker, Informatiker oder Biologen, ob Menschen mit oder ohne Studium. Schluss mit dem Standesdünkel und dem Übergewicht von Geschichtsprofessoren in diesem Gremium. Das historische Erfahrungswissen der vielen altgedienten Parteimitglieder soll ebenso eingebunden werden wie die Innovativität junger Studierender. Wenn man online diskutiert, spart man Fahrtkosten, schont die Umwelt und kann wesentlich mehr Menschen einbeziehen. Also werden die technologischen Möglichkeiten es erlauben, dass alle ernsthaft Interessierten künftig mitmachen können. Kollaborative Verfahren (siehe Punkt 1) machen transparente Diskussionen zwischen den verschiedensten Professionen möglich, ohne die Qualität der Ergebnisse zu gefährden. Im Gegenteil, es wird sogar besser, dank Multiperspektivität!

3.) Die Historische Kommission 2.0 hat die Öffentlichkeit als Zielgruppe. Alle reden von Public History, die SPD setzt es um: Die Geschichte der SPD zwischen zwei Buchdeckeln einer renommierten Publikationsreihe, irgendwo im Regal einer Universitätsbibliothek, bewirkt vergleichsweise wenig. Hingegen kann die gleiche Geschichte der SPD, knackig auf 280 Zeichen bei Twitter heruntergebrochen, vieles bewegen. Reichweite erzielen, viele Menschen sachlich wie auch emotional ansprechen, Debatten in Gang setzen: Social Media kann das, und Historiker nutzen es längst sehr erfolgreich. Neue Formate der Geschichtsvermittlung, emotionalere Zugänge zur Vergangenheit, sind heutzutage gefragt, ob online oder offline. Dieses Potential gilt es für die Historische Kommission zu nutzen.

4.) Die Historische Kommission 2.0 kann auch digital. Alle reden von Digital History, die SPD setzt es um: Digitale Technologien als Medium zu nutzen, für die interne Kommunikation und die Vermittlung nach außen, ist das eine. Aber die Digitalisierung ist längst so wirkmächtig geworden, dass die Gesellschaft nach Deutungsangeboten sucht. Wie verlief die Geschichte der Digitalisierung in Deutschland bisher, die Geschichte des World Wide Web, und wo wird sie uns künftig hinführen? Die Digitalisierung als politische Aufgabe zu erkennen bedeutet nicht nur, Ideen für den künftigen Umgang mit ihren Auswirkungen zu erarbeiten. Es bedeutet auch, ein tiefes Verständnis für ihre bisherige Entwicklung und ihre Auswirkungen bis heute zu haben. Daran hapert es jedoch leider, und auch die Geschichtswissenschaft verschläft diese Aufgabe bislang. Genau dort einen Impuls zu setzen, wird eine wichtige Aufgabe der Historischen Kommission sein.

Ich bin sehr gespannt auf die weitere Diskussion über die Zukunft der Historischen Kommission. Statt einfach nur das Geld zu streichen, sollte über den Modus ihrer Arbeit diskutiert werden. Genau dazu soll dies als Impuls dienen. Meine Thesen lauten: Die Kommission braucht mehr Offenheit (Open Science), Bürgerbeteiligung (Citizen Science), Öffentlichkeit (Public History) und den Blick für das Digitale (Digital History). Wie lauten Eure Thesen?

Eine Antwort zu “History matters: 4 Ideen zum Umgang der SPD mit ihrer Vergangenheit

  1. Die Debatte gewinnt an Fahrt: Steffen Voß greift in seinem Blogbeitrag meine Ideen auf, schildert die Erfahrungen aus der SPD-Geschichtswerkstatt in Schleswig-Holstein und stellt angesichts der vielen UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes fest:

    „Da kommen die 700 Unterstützer der Historischen Kommission aber gerade recht. Wenn die alle sich zusammentun und diese Art historischer Arbeit in der SPD unterstützen, dann wäre das eine riesige Sache.

    700 Historikerinnen und Historiker, die ihren SPD-Ortsvereinen, Kreisverbänden und Landesverbänden helfen, ihre eigene Geschichte zugänglich zu machen. Das wäre ein echter Gewinn für die SPD, der auch mit 20.000 Euro vom Parteivorstand gefördert werden sollte.“