Blogparade: Archivpolitik der Zukunft – Zukunft der Archivpolitik

Das Weblog siwiarchiv lädt in diesem Jahr zu einer Blogparade über die „Zukunft der Archive – Archive der Zukunft“. Als Digital-Historiker steuere ich gerne einen Beitrag zu, will aber nicht über technische Visionen für die Zukunft der Archive schreiben, sondern über politische. Ich bemühe hierzu ganz bewusst den reichlich verstaubt wirkenden Begriff der Archivpolitik, über dessen Zukunft ich hier einige Gedanken ausführen möchte.

Archive arbeiten in modernen und freien Gesellschaften nach eigenem fachlichen Ermessen innerhalb gesetzlich definierter Rahmen. „Die Politik“, also Parteien und Parlamente, haben in diesem Setting die Aufgabe, finanzielle Ressourcen für den Archivbetrieb bereitzustellen und den rechtlichen Rahmen gegebenenfalls an neue Herausforderungen anzupassen, wenn dies etwa im Zuge der Digitalisierung nötig wird. In den Wahlprüfsteinen des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs klingt genau diese Interessenlage an. Damit ist das Feld der Archivpolitik aber noch nicht hinreichend beschrieben, denn in einer modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sind politische Diskurse geweitet und viele Stakeholder spielen darin eine Rolle, auch wenn sie außerparlamentarisch und parteilos sind. Fach- und Dachverbände, wissenschaftliche Institute, Stiftungen, Gewerkschaften, Unternehmen, Think Tanks, zivilgesellschaftliche Initiativen, die Medien, jede einzelne Konferenz auf der Beschlüsse gefasst werden, und auch eine Blogparade oder ein erfolgreiches Hashtag zu einem politischen Anliegen, sie alle sind Akteure bzw. Phänomene im politischen Diskurs.

Diese Stakeholder verfolgen teilweise unterschiedliche Interessen, manche davon widersprechen einander. Wer über Archivpolitik nachdenkt, muss also zuerst einmal darüber nachdenken, welche Akteure mit welchen Interessen auf dem Feld der Archivpolitik unterwegs sind. Die einzelnen Akteure sind unterschiedlich stark und einflussreich, pflegen verschieden gelagerte Allianzen und Konkurrenzen untereinander, sind besser oder schlechter mit den politischen Entscheidern vernetzt. Wer von ihnen es sich leisten kann, beschäftigt in seinem Auftrag professionelle Lobbyisten für die politische Einflussnahme, die man heutzutage Public Affairs nennt.

Brauchen wir also tatsächlich Archivlobbyisten, und haben wir mittlerweile (vier Jahre nach diesen Tweets) Archivpolitiker? Politiker mit Leidenschaft für Archive und Gedächtnisinstitutionen allgemein sind immer noch rar gesäht. Umso wichtiger ist es, die eigenen archivpolitischen Interessen zu sortieren und auf geeignetem Wege, mittels Lobbyisten oder anderweitig, bei den politischen Entscheidern vorzubringen. Denn das Feld der Archivpolitik wird in den nächsten Jahren an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen.

Die Webarchivierung im großen wie im kleinen Maßstab ist eine ebenso unumgängliche wie schwierige Aufgabe für die Archive, und rückt sie zugleich mitten in den gesellschaftlichen Konflikt um das Vergessen im Netz, mit allen sozialen, rechtlichen und politischen Implikationen. Das sogenannte postfaktische Zeitalter wird wohl ebenfalls zu einer alltäglichen Herausforderung für die Archive werden, denn wenn es um den Nachweis von Glaubwürdigkeit geht, sind Archive als gesellschaftliche Instanz unverzichtbar. Offene Archive mit digitalen Beständen als eine Säule der Wahrhaftigkeit in unserer Gesellschaft, wenn das kein Ziel ist, für das es sich politisch einzutreten lohnt! Neben Fragen von Ressourcen und rechtlichen Spielräumen wird es dabei auch um eine Rollenbestimmung gehen, um die Frage, wie viel Haltung die Archive einnehmen und inwieweit sie damit implizit zu einem politischen Agens werden wollen. Wohlgemerkt, die Ideologiefreiheit und wissenschaftliche Genauigkeit der Archive steht bei all dem außer Frage, aber sich in hochpolitisierten Zeiten öffentlich vernehmbar einzumischen, und sei es durch das offensive Bereitstellen gesicherten Wissens, ist ebenfalls ein politischer Akt.

Den Begriff der Archivpolitik sollten wir deshalb dringend aus der Mottenkiste holen und wieder mit Leben, mit Konzepten und auch mit mutigen Visionen füllen. Keine Politisierung der Archive um jeden Preis, zumal keine ideologische, sondern die selbstbewusste Ausweitung des archivischen Kernauftrages auf die politisierte Öffentlichkeit, Haltung zu beziehen in unruhigen Zeiten, dafür plädiere ich.

4 Antworten zu “Blogparade: Archivpolitik der Zukunft – Zukunft der Archivpolitik

  1. Vielen Dank für dieses Plädoyer für eine zeitgemäße Archivpolitik! Die Zurückhaltung der Archivierenden gegenüber der Archivpüolitik habe ich beim ersten ArchivCamp im Duisburg noch einmal erlebt. Daher begrüße ich diese Anregung von außen sehr.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung! Das Thema drängt wirklich, hoffentlich setzt sich diese Erkenntnis beizeiten durch.

  2. Danke für die gute Ergänzung meines Beitrags zur Blogparade http://archivamt.hypotheses.org/5985 , in der die Rolle der Lokalpolitik und -verwaltung ebenfalls in ihrer Bedeutung angesprochen wird.