Gedanken zum Weltnudeltag: Wo bleibt der Wissenschaftsjournalismus 3.0?

Heute ist Weltnudeltag! Oder Weltpastatag, da streiten sich die Geister. Ein Tag gewidmet der Nudel mit ihren diversen Formen, Farben und Garzeiten. Die Medien greifen das dankbare Thema gerne auf und informieren über Wissenswertes aus der Kulturgeschichte dieser schmackhaften Teigwaren, aber auch über einige naturwissenschaftliche Fun Facts, etwa warum der Verzehr von Nudeln glücklich und müde macht.

So weit, so erwartbar. Ähnliche Berichterstattung beschallt uns jedes Jahr am 25.10., denn seit 1995 hat der Weltnudeltag Tradition. Ins Leben gerufen wurde er seinerzeit von der Nudelindustrie, aber das ist ein anderes Thema. Mich selber beschleicht bei all den im weitesten Sinne wissenschaftsjournalistischen Artikeln über die kultur- und naturwissenschaftlichen Facetten der Nudel eher ein anderer Gedanke. Nämlich die Frage, warum ausgerechnet am 25.10. eines jeden Jahres darüber berichtet wird? Das Thema Nudeln interessiert mich just heute kurz nach dem Frühstück nicht besonders. Vielleicht ja heute Abend, falls ich entscheide mir Pasta zu kochen. Oder auch erst am Wochenende, beim Besuch meines italienischen Stammlokals. Oder wenn ich das nächste Mal im Supermarkt vor der Vielzahl verschiedener Nudelprodukte stehe, und mich entscheiden muss, welche ich kaufe. Wer weiß. Aber doch nicht ausgerechnet heute, am 25.10., bei der morgendlichen Zeitungslektüre. Den Drang von Wissenschaftsjournalisten in allen Ehren, uns zu gegebenem Anlass allerlei Wissenswertes über die Nudel mitzuteilen. Aber wann ist dieser Anlass denn wirklich gegeben? Doch nicht ernsthaft, wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen, oder zwischendurch schnell mal durchs Netz surfen. Viel eher doch, wenn wir im Alltag mit Nudeln, ihrem Einkauf, ihrer Zubereitung, ihrem Verzehr usw. beschäftigt sind.

Im Jahr 2012, also schon vor einer Weile, durfte ich auf dem Tag des Wissenschaftsjournalismus in Berlin meine Ideen zum Wissenschaftsjournalismus der Zukunft präsentieren. Ich vertrat dort die kühne These, diese Zukunft würde in der Augmented Reality stattfinden. Augmented Reality, die computergestützte Erweiterung unserer Wahrnehmung, war damals angesichts von Googles Datenbrille (der Öffentlichkeit wenige Wochen zuvor präsentiert) eine ziemlich interessante Zukunftsoption. Und sie ist es noch heute. Das Publikum auf dem Tag des Wissenschaftsjournalismus bestand aus einigen hundert überwiegend jungen Wissenschaftsjournalisten, und die waren offenbar angetan von meiner Idee, weshalb ich den Publikumspreis gewann. Wir waren uns damals dort in Berlin also einig: Wissenschaftsjournalismus in der Datenbrille (oder in einem anderen Vehikel, zumindest als Teil der Augmented Reality), das wäre eine spannende Sache. Geschehen ist diesbezüglich jedoch seither wenig. Kein Wunder, könnte man entgegnen, schließlich laufen wir ja auch bis heute nicht mit einer Datenbrille auf der Nase durchs Leben. Zumindest nicht als Privatmenschen, als Arbeitnehmer schon eher. Der Optimismus von 2012 hat sich hinsichtlich der Datenbrillen bislang (noch) nicht bewahrheitet. Aber auch über andere Geräte, sogar ganz schnöde über das handelsübliche Smartphone, lässt sich Augmented Reality umsetzen. Im Spielesektor beispielsweise läuft das ja schon sehr breitenwirksam, man denke nur an den Erfolg von ›Pokémon Go‹. Verschläft also die Medienbranche hier die Zeichen der Zeit? Ich würde behaupten JA!

Gleichwohl, und anlässlich des Weltnudeltages, will ich ein Zitat aus einem Interview, das ich 2013 mit der Robert Bosch Stiftung geführt habe, hier erwähnen. Es geht darin um den Wissenschaftsjournalismus in der Augmented Reality und was das mit dem Kochen von Nudeln zu tun hat:

[Robert Bosch Stiftung – Wissenschaftsjournalismus] Warum liegt die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus in der Augmented Reality? Wie haben Sie Ihre Idee dazu entwickelt?

[Jens Crueger] Vieles spricht dafür, dass Augmented Reality – also die computergestützte Erweiterung unserer Wahrnehmung – in nicht allzu ferner Zukunft so alltäglich sein wird, wie es heute beispielsweise die SMS-Funktion unseres Handys ist. Für den Wissenschaftsjournalismus bietet die Augmented Reality spannende neue Möglichkeiten, denn erstmals kann das journalistische Produkt unmittelbar in die alltägliche Lebens- und Erfahrungswelt der Rezipienten eingebunden werden. Ein Praxisbeispiel: Ich stelle mir vor, in einigen Jahren beim Kochen von Nudeln darüber zu grübeln, wie der Prozess des Kochens und Garens genau funktioniert. Mit meinem Smartphone schieße ich kurzerhand ein Foto des Kochtopfes und die intelligente Bildsoftware erkennt, dass es sich dabei um einen Topf mit kochendem Wasser und Nudeln handelt. Mein Smartphone bietet mir daraufhin verschiedene wissenschaftsjournalistische Audio- und Video-Beiträge zum Thema „warum kocht Wasser?“ und „wie garen Nudeln beim Kochen?“ an. Ich wähle mir aus diesem Angebot einen Beitrag aus, etwa den Film mit der höchsten Nutzerbewertung, und während die Nudeln fertig kochen, schaue ich mir diesen Film an und stille meine Neugier.

Hier könnt Ihr das ganze Interview lesen…

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