Essay: Was kann Technikkommunikation leisten?

Im Jahr 2015 nahm ich an der »Lernwerkstatt Technikkommunikation« teil, die von der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Wissenschaft im Dialog jährlich ausgerichtet wird. Wir Teilnehmer aus den Berufsfeldern Wissenschaft, Technik und Kommunikation logierten eine Woche lang im Deutschen Museum in München und hatten dort ausgiebig Gelegenheit, mit spannenden Referenten über die Herausforderungen der Kommunikation von Technik und Technologien zu diskutieren. Da nun bald wieder eine solche Lernwerkstatt beginnen wird, erinnerte ich mich an den Kurzessay, den ich 2015 im Rahmen meiner Bewerbung für die Lernwerkstatt verfasst habe. Darin widmete ich mich der Frage, was die Technikkommunikation zu den wissenschaftlich-technologischen Kontroversen der Gegenwart beizutragen im Stande ist. Da dieser Essay bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, veröffentliche ich ihn nun an dieser Stelle:

Fracking, Grüne Gentechnik, Hochspannungsleitungen und Co. Was kann Technikkommunikation zu kontroversen Themen leisten?

Als Historiker möchte ich meine Antwort auf diese Frage mit einem Blick in die Vergangenheit beginnen: 1968 warnte der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker in seinem folgenreichen Memorandum „über den Vorschlag zur Gründung eines Max-Planck-Instituts für interdisziplinäre Forschung über die Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“, die Wissenschaft produziere nicht nur ein ständiges Wachstum des Wissens, zugleich erwachse aus diesem Wissen und der Verfügung darüber eine zunehmende Macht. Angesichts technologischer Unwägbarkeiten (heutige Schlagworte wie Technikfolgenabschätzung und Dual-Use-Problematik schwangen bei von Weizsäcker bereits mit) führe der Fortschritt dieser wissenschaftlichen Macht zu „Unübersichtlichkeit“ und dem Eindruck von Chaos. Es sei daher nunmehr Aufgabe, dieses „scheinbare Chaos gedanklich zu durchdringen“.

Die späten 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts liegen zwar eine Weile zurück, aber die Skepsis gegenüber technologischen Entwicklungen ist nicht verflogen – im Gegenteil. Fracking, Grüne Gentechnik, Hochspannungsleitungen, aber ebenso digitale Technologien wie die Künstliche Intelligenz, werden in der breiten Öffentlichkeit kritisch beurteilt. Teilweise aufgrund profunder Argumente, bei der überwiegenden Zahl der Skeptiker jedoch aus bloßem Bauchgefühl heraus. Die Unübersichtlichkeit, die durch die schwer zu beurteilenden Auswirkungen und Folgen neuer Technologien bedingt wird, verunsichert viele Menschen. Je weiter sie vom Zugang zu wissenschaftlichem Wissen entfernt sind, je weniger sie also über die wissenschaftliche Macht verfügen können, umso mehr fühlen sie sich als bloßes Objekt und den Gefahren technologischer Entwicklungen hilflos ausgesetzt. Die Risikogesellschaft, die Ulrich Beck so treffend beschrieben hat, bricht sich in den Diskussionen um technologische Neuerungen ein ums andere Mal Bahn.

Die letzten Jahre haben eindringlich gezeigt, dass Bürgerinnen und Bürger immer öfter auf die Barrikaden gehen, wenn sie sich von technologischen Vorhaben persönlich betroffen fühlen. Reflexartig gründen sich dann technologiekritische Bürgerinitiativen und artikulieren ihre Vorbehalte lautstark, bei Demonstrationen, in der Presse und in den neuen digitalen Medien. Ziel solcher Initiativen ist es, in Politik und Öffentlichkeit die Meinungshoheit über ein technologisches Vorhaben zu gewinnen. Wieviel Macht solche Bürgerinitiativen dabei entfalten können, zeigen die jüngsten politischen Entwicklungen um die Stromtrassenführung durch den Freistaat Bayern anschaulich.

Technikkommunikation setzt genau an diesem Punkt an, denn sie bietet die Chance, den technologischen Fortschritt mit all seinen Chancen und Potentialen, aber eben auch mit all seinen Risiken für eine breite Öffentlichkeit verständlich zu beschreiben, zu erklären und einzuordnen. Je offensiver sich die Technikkommunikation gerade auch der kontroversen Themen annimmt, umso besser. Der gesellschaftliche Zündstoff, der in diesen Kontroversen steckt, ist immens. Dabei muss gute Technikkommunikation mehr sein als nur der Beipackzettel zu einem neuen technologischen Verfahren. Schließlich geht es bei der Frage nach technologischem Fortschritt immer um Abwegungsentscheidungen: Jede neue Technologie birgt neben ihren segensbringenden Vorteilen auch Nachteile oder zumindest Risiken. Über deren Ausmaß kann man zum Zeitpunkt ihrer Erschaffung oft nur unzureichende Aussagen treffen. Die Abwegungsfrage lautet daher, ob der positive Fortschritt, der von einer neuen Technologie zu erwarten ist, in einem vernünftigen Verhältnis zu ihren potentiellen Risiken steht. Die Entscheidung darüber muss die Gesellschaft treffen, sie tut dies mittels Expertenentscheidung.

Um die fortschrittsskeptische Haltung weiter Teile der Bevölkerung aber zu entkrampfen, muss über den modus operandi solcher Abwegungsentscheidungen nachgedacht werden. Denken wir zurück an Carl Friedrich von Weizsäckers Überlegungen über den Zusammenhang von Wissenschaft, Wissen, Verfügung über dieses Wissen und Macht. Wer über das Wissen verfügen kann, dem kommt Macht zu. Wer hingegen über dieses Wissen nicht verfügen kann, dem erscheint unsere wissenschaftlich-technologische Moderne unübersichtlich und bisweilen gar chaotisch. Zu einer grundsätzlichen Angst vor jeglichen technologischen Neuerungen ist es von dort kein weiter Weg mehr. Deshalb muss es der Anspruch guter Technikkommunikation sein, die Öffentlichkeit nicht nur zu informieren. Vielmehr muss Technikkommunikation die Gesellschaft regelrecht teilhaben lassen an dem technologischen Wissen unserer Zeit und ihr zugleich einen Kompass an die Hand geben, mittels dessen die technologischen Abwegungsentscheidungen nachvollzogen und beurteilt werden können. Wer Stärken wie Schwächen, Chancen wie Risiken neuer Technologien kennt, und wer zugleich eine Vorstellung davon hat, auf welchem wissenschaftlich-technologischen Pfad sich unsere Gesellschaft (seit über 100 Jahren bereits!) bewegt, der kann besser verstehen, worum es beim technologischen Fortschritt eigentlich geht.

Wenn die Technikkommunikation dieses ganzheitliche Verständnis von technologischem Fortschritt zu vermitteln im Stande ist, wird die Öffentlichkeit tatsächlich an jener Macht beteiligt werden, die von Weizsäcker ansprach. In dieser Teilhabe an der Macht des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts liegt der Schlüssel gegen die Fortschrittsfeindlichkeit unserer Gesellschaft.

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